Es hätte das ganz grosse Medienereignis im sonst so nachrichtenlosen Sommer werden können. Mitte diesen Monates begann der Schweizer Berg Eiger zu wanken. Grosse Felsmassen drohten zu Tal zu donnern. Spannende Bilder waren garantiert. Gekommen ist es dann etwas anders. Ein Kommentar von Matthias Baer, Tages Anzeiger.

 

Seit Tagen warten Schaulustige und Medienschaffende gebannt auf den Felssturz am Eiger. Am Donnerstagabend (13.07.06, Anm. d. Red.) tat sich dann pötzlich etwas, als ein Teil des rutschenden Massivs ins Tal donnerte. Doch Bilder gab es zuerst fast keine. Vor allem keine bewegten.

Die Fernsehsendung «10 vor 10», die rund zwei Stunden nach dem Absturz auf Sendung ging, zeigte bloss einige Standbilder des Fotografen der Regionalzeitung «Berner Oberländer». Zwar hat das Fernsehen schon vor Tagen eine fixe Digitalkamera in der Nähe des Berggasthauses Bäregg montiert, die alles aufzeichnet, was sich an der Eiger-Ostflanke erreignet. «Am Donnerstagabend war es aber nicht mehr möglich, die Bilder ins Tal zu bringen und nach Zürich zu übermitteln», sagt Jürg Lehmann, Nachrichtenchef beim Schweizer Fernsehen. Es sei zu spät gewesen, mit einem Helikopter die Bäregg zu erreichen. Zudem sei es nicht gelungen, Amateuraufnahmen von Augenzeugen aufzutreiben. Erst in der gestrigen Mittagstagesschau - mit fast 18-stündiger Verspätung - wurden die eigenen Bilder gezeigt. Und auch ein erster Amateurfilm.

Die Bildagentur Keystone griff am späten Donnerstagabend ebenfalls auf die Bilder des «Berner Oberländers» zurück. Dessen Fotograf, Bruno Petroni, ist zufrieden, dass ihm der «goldene Schuss» gelungen sei. Als der Berg kam, war er der einzige Medienschaffende vor Ort. «Alle anderen verlassen jeweils um 17 Uhr die Hütte, weil sie die letzte Seilbahn ins Tal nicht verpassen wollen.» Petroni übernachtete bereits die fünfte Nacht in Folge auf der Bäregg.

Aus allem folgt: Uns erreichen zwar meist und sofort Bilder von Kriegen und Unglücken aus der ganzen Welt. Nicht aber aus den zwar nahen, aber nur mühsam erreichbaren Schweizer Alpen. Ein hübscher Anachronismus im Zeitalter der totalen Bilderflut.

Erschienen am 15.07.2006 im Tages Anzeiger