My Family - von DelinaEin typisches Schweizer Wohnzimmer hat einen Holzparkettboden, eine Wohnwand mit integriertem Fernseher und Stereoanlage, ein kleines Tischchen und ein Sofa. Je nach Kaufkraft in Leder, Acantara und gerade oder in der Luxusausführung sogar mit einer Ecksitzgruppe. Und irgendwo stehen sie, Schulter an Schulter. In verschieden farbigem Kunstleder mit goldenen Verzierungen – die Fotoalben der Familie. Ihnen ganz alleine hat das Museum im Bellpark Kriens eine Ausstellung gewidment.

Bei meinen Eltern sind sie in der Wohnwand verstaut. Die Fotoalben. Die alten mit einem Stoffbezug, den weissen Kartonseiten und dazwischen diesem raschelnden, halbtransparenten Papier. Darin die Bilder meiner Grosseltern, wie sie meine Eltern im Kinderwagen durch die Welt fahren, mein Vater in Knickerbockerhosen. Alles sauber beschriftet und eingeklebt.

Die neuen Alben sind eigentlich gleich, nur haben die einen Lederbezug mit goldenen Verzierungen, was schrecklich aussieht. Der Inhalt bleibt der gleiche. Die Fotos meiner Eltern wie sie mich im Kinderwagen durch die Welt fahren, Bilder von mir in braunen Manchesterhosen. Alles sauber beschriftet und eingeklebt.

Wer heute seine Kinder kriegt kann wählen zwischen den Alben mit bunten, schrecklichen Kartondeckeln, darin Plastikseiten zum Einschieben der Fotos. Oder, wohl immer häufiger, die kleine handliche runde Form, alles digital auf einer silbernen CD-ROM.

Das Familienalbum gehört zum Wertvollsten was wir besitzen. Denn es bebildert die Stationen unseres Lebens, verdeutlicht die Verbundenheit mit den Generationen und erzählt vergessene Geschichten aus dem Alltag: Das Schachspielen mit dem Vater, das Vogelfutterhaus auf dem Balkon, als es noch Schnee gab im Unterland. Die ersten Versuche auf den Ski. Und die vielen, vielen Ferienbilder.

Das Museum Bellpark in Kriens bietet mit den ausgestellten Alben einen Einblick in rund 50 Familien, mit Bildern aus der Zeit von 1920 bis 1980. Sie zeugen von fröhlichen Stunden und grossen Reisen, aber auch von dramatischen Ereignissen wie dem Brand der Basler Mustermesse im Jahre 1923.

Doch mit der fortschreitenden Digitalisierung unserer Welt, verlagert sich auch das Familienalbum in die Welt der binären Daten. „Unsere Ferien“ ist kein Album mehr, sondern eine von vielen CD-ROMS. Man schaut sich die Bilder am Labtop an, sie werden ins Internet gestellt oder statt der langweiligen Ferien-Diaschau des Nachbarn werden die Bilder nun per Beamer an die Wand gezaubert. Viel spannender sind solche Abende damit leider auch nicht geworden.

Die glücklichen Stunden, Ferienerlebnisse, sie sind jetzt nicht mehr eingeklebt, dafür abgespeichert.

Die Ausstellung Das Familien-Fotoalbum. Eine Hommage ist noch bis am 5. November 2006 im Museum Bellpark in Kriens zu sehen.

Links
Museum Bellpark, Kriens
Flickr - Das digitale Fotoalbum 

Bild
“Meine Grossmutter zwischen zwei Kusinen, Weihnachten 1890″
Gefunden bei Delina auf Flickr