Nicephore Niepce - Erstes FotoDer Drang seine Welt visuell festzuhalten ist so alt wie die Menschheit. Mit der Entwicklung der Camera obscura was es dann erstmal möglich, ein real erscheinendes Abbild seiner Welt zu schaffen. Doch erst dank Daguerre und Nicéphore Niépce haben wird die Möglichkeit, diese Fotografien auch haltbar zu machen. 1826/27 gelang Niépce die älteste erhaltene Fotografie. Das wir dieses Bild kennen verdanken wir Helmut Gernsheim. Er gilt als Pionier der Fotogeschichte.

Helmut Gernsheim, geboren 1913 in München, der schon im Alter von 15 Jahren Kunsthistoriker werden wollte, begann 1933 das Studium der Kunstgeschichte an der Universität München. Auf Anraten seines Bruders brach er nach zwei Semestern die Universität jedoch ab und begann eine Ausbildung zum Fotografen. So könnte er auch im Ausland seinen Lebensunterhalt verdienen. So machte er an der Bayrischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen, der damals führenden Fotoschule, die Ausbildung und schloss diese 1936 mit dem Prädikat „summa cum laude“ ab [1].

Obwohl die Schule wie auch der halb-jüdische Gernsheim selber von den Eingriffen der Nazis einigermassen verschont blieben, entschied sich Helmut Gernsheim 1937 nach London zu emigrieren. Von dort wurde er 1940 wie die meisten deutschen und italienischen männlichen Emigranten, welche als feindliche Ausländer angesehen wurden, nach Australien deportiert. In den für die Ankömmlinge errichteten Lagern begann sich Gernsheim zusammen mit einigen anderen Insassen mit der Fotogeschichte zu befassen, um so gegen die Langeweile anzukämpfen.

1941, nach anderthalb Jahren Internierungshaft, konnte Gernsheim wieder zurück nach London und publizierte kurze Zeit später sein erstes Buch „New Photo Vision“. Gernsheim plädierte für eine neue fotografische Sehweise und griff die stark vom Piktorialismus geprägte englische Fotografie. Diesem Buch verdankte Gernsheim auch seine erste Begegnung mit Beaumont Newhall, dem Kurator der Fotosammlung am Museum of Modern Art in New York. Als Beaumont 1944 in London war trafen sich die beiden Männer und schlossen Freundschaft. Zum Abschied wollte Gernsheim Beaumont einige Fotostereogramme schenken. Doch Beaumont lehnte ab und meinte nur: „Sie sollen den Grundstein deiner eigenen Sammlung bilden“ [2].

GernsheimAb 1945 wuchs die Sammlung von Gernsheim zu einer der grössten Sammlungen seiner Zeit und umfasste rund 40000 Fotos, 3500 Bücher und etwa 200 alte Fotoapparate. Darunter auch das von Nicéphore Niépce erstellte Bild aus dem Jahre 1826/1827. In den folgenden Jahren zeigte Gernsheim seine Sammlung in mehreren wichtigen Ausstellungen, etwa Wanderausstellung Hundert Jahre Photographie 1839 – 1939 mit rund 600 Werken. Sein grösster Wunsch, der Errichtung eines Museums mit seiner Sammlung, ging vorerst nicht in Erfüllung. „Zwölf Jahre lang habe ich meine Sammlung angeboten, in vierunddreissig Städten und Institutionen. Es hat sich niemand gefunden.“ [3]

Erst 1963 gelang die Sammlung in das Harry Ransom Humanities Research Center der Universität Texas in Austin. Einige Jahre später begann Gernsheim eine weitere Sammlung mit zeitgenössischer Fotografie in Lugano (Schweiz).

Sein sicher wichtigstes Werk, welches er zusammen mit seiner Frau Alison schuf, war das Buch Geschichte der Fotografie. Das in verschiedenen Sprachen veröffentlichte Werk trug wesentlich zu einem Bewusstsein der Fotogeschichte bei einem breiten Publikum bei und etablierte Gernsheim weltweit als einen der bedeutendsten Fotohistoriker.

Buch
Pionier der FotogeschichteHelmut Gernsheim
Pionier der Fotogeschichte
375 Seiten
Hatje Cantz Verlag
EUR 39.80
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Bilder
Oben: Erstes Foto von Niécephore Niépce
Unten: Helmut Gernsheim (Felix Man, 1946) 

Quellen
[1] Vgl. Lehrjahre, Lichtjahre. Die Münchner Fotoschule 1900 – 2000, hrsg. Ulrich Pohlmann und Rudolf Scheutle, Ausst.-Kat. Münchner Stadtmuseum, München 2000
[2] Beaumont, Newhall, Focus. Memories of a Life in Photography, Boston und London 1993, Seiten 84 und 85
[3] Vgl. Die Besessenen, Begegnungen mit Kunstsammlern zwischen Aachen und Tokio, hrsg. Von Peter Sager, Köln 1992, S. 74