Mo 9 Okt 2006
Mit dem Abwurf der Atombomben über Japan wurde der zweite Weltkrieg beendet. Japan war ein zerstörtes Land. Der 1930 geborene Shohei Tomatsu erlebte nicht nur die Zerstörung seines Landes, seiner Kultur mit. Sondern auch der daran anschliessende Wiederaufbau, die Besatzung durch die Amerikaner, die Öffnung seines Landes und deren Wandel in einen modernen Staat. So rasant und grundlegend wie sich Japan wandelt, so vielseitig und schnell hat sich die Fotografie von Tomatsu entwickelt. Im Fotomuseum Winterthur ist nun erste Mals eine grosse Retrospektive seines Werkes ausserhalb Japans zu sehen.
Ein Stiefel im Schlamm. Eine Prostituierte die in stolz ihre Schönheit demonstriert. Ein alter Mann der zusammengerollt auf einem Bahnsitz schläft. In den Werken die nach Kriegsende in den 1950er Jahren entstanden sind, beobachtet der junge Tomatsu sein Land nach dem Kriegsende. Er tut dies ohne zu werten. Das es sich bei der Prostituierten um eine billiges Mädchen handelt, welche die amerikanischen Soldaten bedient, ist dabei genau so wichtig wie die beiden Rauschlieren die sie aus ihrer Nase bläst.
Das Kriegsende war für Japan zugleich eine Katastrophe und eine Befreiung. Ein Gefühl voller Verzweiflung gemischt mit Optimismus und Freude. Diese Polarität findet sich auch in den in der Ausstellung gezeigten Werken. Sehr sorgfältig komponierte klare Bilder stehen neben verschwommenen, mitgezogenen Schnappschüssen. Dokumentarische Bilder wechseln sich am mit lyrischen Bildgedichten. Diese Gegensätzlichkeiten ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk.
Nach dem Krieg besetzte Amerika bis 1952 das Land. Die Japaner begegneten ihnen mit einer bis heuten anhaltenden Mischung aus Hass und Liebe. Für Tomatsu wurde das Thema der Amerikaner-in-Japan zu einem seiner zentralsten und stärksten Themen. Als westlicher Betrachter erstaunen die Bilder auf ihre ganz eigene Art. Die gut und modern gekleideten amerikanischen Soldaten scheinen vor den Holzhütten Japans wie in einer falschen Zeit angekommen zu sein. Genau so fremd erscheinen die japanischen Mädchen in Majoretten-Uniformen, die auf der Strasse zu amerikanischer Musik marschieren.
Wirft man heute einen Blick nach Japan, ist man erstaunt mit welcher Geschwindigkeit sich das Land nach dem Krieg verändert hat. Betrachtet man die gesamte Ausstellung, findet man eine ähnlich rasante Entwicklung auch in der Fotografie des Shomei Tomatsu. Das farbige Bild zur Japanischen Weltausstellung 1970 hat eine Bildkomposition, die man bei uns in der modernen Fotografie genauso antrifft. Und auch die Bildsprache seiner späteren Werke aus der Serie „Goldener Pilz“ aus den Jahren 1990 – 92 findet man heute, über 10 Jahre später, in der aktuellen Kunstfotografie.
Auch wenn man am Anfang der Ausstellung etwas in der Breite der Arbeit von Shomei Tomatsu verloren geht, schafft es die Ausstellung das umfangreiche und vielseitige Schaffen von Tomatsu gut zusammen zu fassen. Dazu wurde das Werk in 8 Themenbereiche gegliederte, die alle mit einem Einführungstext beginnen. Dieser steht auf grauem Hintergrund, in dem ebenfalls eines der Bilder hängt. Dies Art den Einführungstext wie als eine Bildlegende der folgenden Fotosequenz zu präsentieren, regt sehr zum Lesen an und unterscheidet sich mit seiner frischen ungewohnte Art von den Begleittexten vieler andere Ausstellungen.
Shomei Tomatsu - Haut einer Nation
2. September - 19. November 2006
Fotomuseum Winterthur
Grüzenstrasse 44 + 45
8400 Winterthur - Schweiz
http://www.fotomuseum.ch/
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Mittwoch 11-20 Uhr, Montag geschlossen
Bilder
oben: Shomei Tomatsu: Prostituierte, Nagoya, 1958, Courtesy: San Francisco Museum of Modern Art, © Shomei Tomatsu
unten: Shomei Tomatsu: Japanische Weltausstellung, Osaka, 1970, Courtesy: Privatsammlung, © Shomei Tomatsu
