Mo 8 Jan 2007
Der abgerissene Kopf einer Selbstmordattentäterin in Israel, verstümmelte Leichen in Somalia und nun die Hinrichtung von Saddam Hussein. Immer wenn bei schrecklichen Ereignissen solche Bilder im Umlauf sind, stellt sich in den Chef- und Bildredaktionen die Frage, was gezeigt werden darf, werden soll, werden muss.
Die letzten Ausgaben der Tageszeitungen des Jahres 2006 waren bereits gedruckt als die Nachricht von der Hinrichtung Saddam Husseins über die Nachrichtenticker in die Redaktionen kam. Einzig die Sonntagsblätter konnten reagieren. Sie und das Fernsehen zeigen die offiziellen Bilder der Hinrichtung, wenn überhaupt. Es sind Filmaufnahmen ohne Originalton, die einen ruhigen Ablauf der umstrittenen Exekution Saddams dokumentieren. Einen Tag danach tauchen in diversen arabischen Internetforen Bilder und ein Video eines Augenzeugen der Hinrichtung auf. Sie zeichnen ein völlig anderes Bild der Hinrichtung. Saddam Hussein wird beschimpft und, anders als bei der offiziellen Berichterstattung, wird die gesamte Hinrichtung gezeigt. Am Schluss bleibt die Kamera auf den toten Saddam gerichtet.
Dienstag, die Zeitungsredaktionen beginnen mit der ersten Ausgabe des neuen Jahres und in vielen Chef- und Bildredaktionen stellt man sich die gleiche Frage. Soll, bzw. darf man die aufgetauchten Bilder der Hinrichtung zeigen oder nicht? Was spricht überhaupt dafür, solche Bilder zu zeigen? Gründe gibt es mehrere. Zum einen widerlegen die Bilder die von den offiziellen Stellen vermittelte Information einer ruhigen, einigermassen humanen Hinrichtung. Des Weiteren sind es wichtige Zeitdokumente in unserer Geschichte, hat Saddam doch die US-Aussenpolitik mehrerer Jahre beinflusst. Auf der anderen Seite gibt es ethische Grundsätze, wie etwa der Schutz der Menschenwürde, die klar gegen eine Veröffentlichung sprechen. Dabei gibt es eine Grenze, und es gibt einen Ermessensspielraum.
«Die Vorbereitung darf man zeigen, nicht aber die Hinrichtung selber – das wäre ein Verstoss gegen die Menschenwürde», erklärt Peter Studer, der Präsident des Schweizer Presserates, gegenüber dem St. Galler Tagblatt. Erlaubt sei auch das Abbild des Leichnams, wenn auch in gewissen Grenzen, ergänzt Studer. Und auch für einen früheren brutalen Diktator gilt die Menschenwürde.
Vor dem noch grösseren Problem standen die Redaktionen der Fernsehsender. Sollte man den Film der Hinrichtung zeigen oder nicht? Zugänglich war und ist das Material allemal im Internet. Auf diversen Video-Plattformen wie Youtube und ähnlichen ist es in voller Länge zu sehen. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur AFP strahlte keiner der grossen Sender in Deutschland, Frankreich, Italien, Grossbritannien oder dem Nahen Osten das Video in voller Länge aus. ARD und ZDF zeigten jedoch kurze Ausschnitte des Handy-Videos. Vor der eigentlichen Hinrichtung wurde das Bild eingefroren, der Original-Ton allerdings weiter gelaufen lassen.
Anders als die Bilder ist das Video in seiner Art einzigartig, wodurch der hervorgerufene Schock noch verstärkt wird, erklärt Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau. «Während Fotos Gehenkter in der Mediengeschichte in grosser Zahl vertreten sind, gab es bisher ein einziges Bewegtbild-Dokument. Dieses zeigte eine Hinrichtung im Hinterhof des Gefängnisses von Jacksonville und entstand 1898. Später wurde ein Film über die Todesqualen eines Mannes verbreitet, der aufgrund zweier schlecht gesetzten Giftspritzen über eine halbe Stunde mit dem Tode rang.»
Der Film führte zu einem Moratorium. Und so könnten die Videoaufnahmen des gehängten Saddam vielleicht doch auch noch eine gute Seite haben. Denn angesichts der unfasslichen Eindrücke, die das Handy-Video auslöst, könnte die Ablehnung der Todesstrafe auch in Ländern wie den USA zu einer Mehrheitsmeinung werden.
Betrachtet man die im Internet kursierenden Kommentare zu den veröffentlichten Bildern und Videoaufnahmen schwindet die Hoffnung auf eine Wende in der Meinung allerdings gleich wieder schlagartig. Dass die Suche nach dem Video zu einem der am häufigsten Suchbegriffe der letzten Tag wurde, ist nicht erstaunlich und nachvollziehbar. Dass auf den entsprechenden Seiten Besucher sich über die schlechte Qualität der Bilder aufregen, sie anderen Menschen auch die Hinrichtung wünschen oder sich sogar an den Bildern aufgeilen ist nicht nachvollziehbar und widerlich.
Quellen
Spiegel Online vom 31.12.06
Frankfurter Rundschau, Feuilleton, 02.01.07
St. Galler Tagblatt, Medien, 05.01.07
SDA Meldung vom 05.01.07
Bild
Videostill, gefunden auf einer arabischen Internetseite
Links
Video der Hinrichtung - HINWEIS: Das Material enthält Gewalt- und Todesszenen und ist für Jugendliche nicht geeignet.
