Di 23 Jan 2007
„Islands of Silence“: Die Fotografin Donata Wenders feiert die flüchtigen Augenblicke
Es mag überraschen, hat aber gute Gründe: Inmitten der bunten Bilderwelt hat die Schwarz-Weiß-Fotografie nichts von ihrer tiefgründigen Faszination verloren. Der Schritt zurück in die Abstraktion des Schwarz-Weiß, diese fundamentale Reduktion, öffnet nach wie vor Räume der Imagination. Die Fotografin Donata Wenders hat in dem Bildband „Islands of Silence“ - Inseln der Stille - dafür schöne Belege gesammelt. Sie hat sich in ihren Fotografien auf etwas Wesentliches konzentriert: Ihr Bilder sind ein Album flüchtiger Augenblicke, in denen Menschen gedankenverloren und doch ganz bei sich sind.
Die Aufnahmen entstanden auf der Straße und in Hotelzimmern, in Kirchen und bei Dreharbeiten ihres Mannes Wim Wenders. Es sind Momente, die vom versierten Auge der Fotografin erkannt und für wahr und wichtig erachtet wurden. Häufig sind es Augenblicke des Wartens, manchmal inmitten äußeren Trubels: am Film-Set in Drehpausen, vor einem Auftritt auf der Ballettbühne oder dem Laufsteg.
Auf vielen der Bilder sind prominente Personen zu sehen. Aber die Schriftstellerin Siri Hustvedt, die Sängerin Omara Portuondo, Pina Bausch, Jessica Lange oder Milla Jovovich stehen in diesen Bildern nicht für das wodurch sie Bekanntheit erlangten. Es ging Donata Wenders auch nicht darum, ihnen private Momente abzuluchsen. Es war offensichtlich ihr Interesse, jene Momente mit der Kamera zu würdigen, in denen ein Mensch dem Getriebensein, der Unruhe entglitten in eine andere Sphäre eingetaucht ist.
In der Geborgenheit der Ichvergessenheit, in der Nähe zum Unbewussten schimmern unvermittelt Fragen auf: „Was mache ich eigentlich mit meinem Leben?“, heißt es in einer Bildunterschrift. In diesen Momenten sind alle Menschen gleich, allein mit sich und ihrem Gott. Donata Wenders hat schöne Momente solchen Bei-sich-seins gefunden: gedankenverloren oder konzentrativ, verträumt oder in das eigene Spiegelbild versunken wie der kleine Junge, den sie durch die spiegelnde Scheibe eines Frisiersalons in Tel Aviv fotografiert hat. Es ist ein schönes Bild für die verschiedenen Sphären des Seins, in denen wir uns bewegen, die unser Leben bestimmen.
Indem die Fotografin sich mit so sanfter Beharrlichkeit solchen Momenten gedankenverlorener Stimmung widmet, gibt sie diesen auch eine tiefere Bedeutung. Diesen unscheinbaren Augenblicken misst die Fotografin eine spirituelle Relevanz bei. Das legen ihre Bilder eindrucksvoll nahe. Sie findet dafür eingangs des Bildbandes schöne Worte, die sich diesen stillen Augenblicken behutsam nähern.
Die Fotografien von Donata Wenders haben etwas von dieser poetischen und doch ungezähmten, direkten Kraft der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie, die noch nach Fixiersalz riecht. Sie lebt von dieser unvermittelten Entsprechung vom fotografierten Sujet zum Bild. Die Bilder sind ungekünstelt und von einer bemerkenswerten Zeitlosigkeit, man kann sie der unmittelbaren Gegenwart so wenig zuschreiben wie irgendeiner anderen Zeit. Das ist ein schönes Kompliment, zeigt es doch wie universell, also gültig, diese Erfahrungen sind, die die Fotografin festgehalten hat. Es zeigt auch, dass sie keiner modischen Welle gefolgt ist sondern sich ganz von der Wahrhaftigkeit der Augenblicke leiten ließ.
Solche Augenblicke sind möglich und sie sind sogar alltäglich. Donata Wenders entdeckte sie ebenso hinter den verschmierten Scheiben einer U-Bahn wie im wuseligen Backstagebereich einer Modenschau. Das Schöne an Donata Wenders Bildern ist, dass sie auch die Betrachter auf solche „Inseln der Stille“ einlädt.
Das Buch
Ulf Meyer zu Küingdorf (Hrsg.)
Donata, Islands of Silence
128 Seiten
Prestel Verlag, München
EUR 49,95
Bilder
Donata Wenders, aus Donata, Islands of Silence
