China1827 platzierte Joseph N. Niépce die Kamera in seinem Arbeitszimmer und belichtet durch das geöffnete Fenster hinaus die Konturen der umgebenden Häuser des kleinen Städtchens Le Gras. Mit dieser belichteten Zinnplatte beginnt nicht nur die Fotografie, sondern eine andau- ernde spannende Beziehung zwischen dem fotografischen Bild und dem Städtebild. Das britische C international photo magazine widmet sich diesem Zusammen- spiel in seiner aktuellen Ausgabe.

CoverWährend Niépce, Talbot oder auch Daguerre die Städte als Sujet vor allem wegen der langen Belichtungszeiten wählten, setzt sich die aktuelle Fotografie mit der Entwicklung von Städten, den Stadtmenschen und der Beziehung zwischen Stadt und Mensch auseinander. Die dritte Ausgabe von C international photo magazine, welches eigentlich ein 309 Seiten dickes Buch ist, beleuchtet das Thema aus den unterschiedlichsten Positionen.

Von Kunstfotografien aus der Sammlung der Deutschen Bank über einen einmaligen Einblick in das Archiv der Feuerwehr von London bis zu acht Portfolios aktueller Fotografen bietet sich dem Betrachter neben einem kaleidoskopischen Einblick in die Beziehung der Fotografie zu den Städten auch ein Abriss in der Geschichte der Fotografie. Sie hat sich immer mit der Urbanisierung der Gesellschaft und den Auswirkungen der Städte auf ihre Bewohner auseinandergesetzt.

Eines der Portfolios zeigt die Arbeit des schwedischen Fotografen Anders Petersen. Er hat in so unterschiedlichen Städten wie Paris, Rom, Gap oder Saint-Étienne mit seiner direkten, ungeschönten Schwarzweiss-Fotografie radikale Bilder geschaffen, welche die Energie und die Einsamkeit der Städte und ihrer Bewohner kontrastieren. Wie sehr eine Stadt ihre Menschen aussaugen kann, zeigt die berührende Arbeit des belgischen Fotografen Wilfried Vandenhove. Er hat in einem Zeitraum von mehr als sieben Jahren die Strassenkinder von Mexiko City begleitet und porträtiert. Dabei ist die Kamera nicht dazu da etwas mitzuteilen, sondern, wie er selbst sagt, Mittel um mit diesen von der Gesellschaft vergessenen Kindern zu kommunizieren. „Ich weiss nicht, aber jeden Tag habe ich mehr Fragen und weniger Antworten. Was mache ich, ein europäischer Künstler der nie auf der Strasse gelebt hat, hier in Mexiko City?“

Das C international photo magazine wirft aber auch einen Blick in das Archiv der Ford Motor Company. Diese hat ihre Sammlung dem Metropolitan Museum of Art in New York vermacht und umfasst die unterschiedlichsten Fotografien die mal mehr, mal weniger direkt etwas mit Städten zu tun haben. Während beim Bild eines Arbeiters am Empire State Building von Lewis Hine oder dem wunderschön eingefangenen Stadtmoment zweier Passanten und des Bäckers auf dem Fahrrad von László Moholy-Nagy der Bezug klar ersichtlich ist, spielt die Fotomontage von Maurice Tabard mit den Formen von Skizzen und den Schatten auf dem Bürgersteig.

Und da fotografierte Städte ein universelles Thema sind, wirft das Magazin auch einen Blick in den asiatischen Raum. So China und Japan an diversen Stellen Thema im Buch und bilden einen spannenden Kontrapunkt zu unserer westlichen Welt, Etwa mit einem seltenen Einblick in alte Fotos aus Shanghai oder diversen aktuellen Vertretern der fernöstlichen Fotografie. Das Magazin erscheint daher auch in einer englisch-chinesischen und einer spanisch-japanischen Ausgabe.

Neben der vielseitigen Themenauswahl führt das sorgfältige, abwechslungsreiche Layout zu einem kurzweiligen Lesegenuss. Dabei sind die erklärenden Texte vorne und hinten im Buch angeordnet, in der Mitte können die Fotografien ihre volle Wirkung entfalten und müssen, ausser den Bildlegenden, nicht mit Textteilen konkurrenzieren. Viel Wert wurde auch auf die Papierqualität und den Druck gelegt. Die Bilder sind leicht glänzend gedruckt, wodurch die Farben gut zur Geltung kommen, ohne dass dauernde Spiegelungen stören.

Vor allem bei den über den Falz laufenden Bildern sind diese jedoch leider teils auf den einzelnen Seiten etwas gegeneinander verschoben. Das stört etwas, ist aber wohl kaum zu vermeiden. Abgesehen davon ist die dritte Ausgabe von C international photo magazine ein grosser Bildergenuss. Nicht nur für an Fotografie Interessierten sondern auch für alle die, welche sich mit der Entwicklung von Städten auseinandersetzen.

C international photo magazine 03
Ivory Press Ltd., London, Februar 2007
309 Seiten, Hardcover, EUR 70.-
Zu beziehen über den Prestel Verlag, München

C international photo magazine erscheint zweimal pro Jahr und kostet im Abo 75₤.